SüdpfalzDOCs Praxistour Luxemburg-Special 2

Mit einer Hausärztin im Gespräch – ein Blick in die Hausarztpraxis in Luxemburg

Für das dynamische und zukunftsorientierte Netzwerk der SüdpfalzDOCs ist es spannend, hausärztliche Versorgungsstrukturen nicht nur in unserer Region und in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern näher zu beleuchten. Erste Einblicke in die Primärversorgung in Luxemburg bekomme ich heute von der Weiterbildungsassistentin für Allgemeinmedizin, Lynn Fandel. Die 31-jährige Luxemburgerin hat in Österreich studiert, dort das Basisjahr absolviert und wird über das luxemburgische Weiterbildungssystem mit einem Jahr klinischer Rotation und zwei Jahren Praxistätigkeit zur Fachärztin für Allgemeinmedizin ausgebildet.

Heute treffe ich Lynn auf dem „Knuedler“, einem der Hauptplätze in Luxemburg-Stadt, wo sie mir ein schönes Café zeigt und anfängt, über sich zu erzählen.

Frage: Welche Unterschiede bestehen zwischen dem Weiterbildungssystem für Allgemeinmedizin in Luxemburg und Deutschland?

Lynn Fandel, Hausärztin

In Luxemburg gibt es gerade einmal 30 Plätze pro Jahr für die Facharztweiterbildung in diesem Bereich. Nach dem nur dreijährigen Pflichtprogramm bis zur Facharztreife können die AssistenzärztInnen anschließend noch ein Forschungsjahr für ihren PhD anhängen. Anders als in Deutschland sind die jungen MedizinerInnen während der gesamten Weiterbildungszeit an die Universität angebunden und belegen dort Kurse. Über die universitäre Koordination werden ebenfalls die ein- bis sechsmonatigen Einsätze in den niedergelassenen Lehrpraxen geregelt.

Frage: Wodurch unterscheidet sich der hausärztliche Praxisalltag in Luxemburg im Vergleich zu Deutschland?

Aktuell arbeitet Lynn als Vertretung bei einer Hausärztin, bevor sie im Winter dieses Jahres selbst eine Praxis gründet. Es gibt kein festes Kontingent an Praxissitzen, das vom Land vorgegeben wird. HausärztInnen arbeiten als freiberufliche Gesundheitsdienstleister.

In der Mehrzahl der luxemburgischen Hausarztpraxen besteht der Arbeitsalltag aus reiner Sprechstundentätigkeit. Die Ärztin fungiert dabei primär als Beratungsstelle; Blutentnahmen und Funktionsdiagnostik wie Ultraschall und EKG werden häufiger in die Krankenhäuser ausgelagert. Viele Hausarztpraxen arbeiten daher auch mit weniger Sekretärinnen oder MTAs als in Deutschland.

Da in Luxemburg die meisten EinwohnerInnen über die zentrale Caisse Nationale de Santé (CNS) versichert sind, gibt es laut Lynn keine Zweiklassenmedizin. Privatversicherte PatientInnen werden nicht bevorzugt behandelt. Sie kann sich im Schnitt 15-20 Minuten pro PatientIn Zeit nehmen. Abgerechnet wird deutlich liberaler als in Deutschland; spezielle Leistungen können über Zusatzversicherungen abgedeckt werden. Ohne finanziellen und zeitlichen Druck freut sich Lynn, patientenzentrierte Versorgung „mit so viel Zeit wie nötig“ gewährleisten zu können und dabei selbst eine gute Work-Life-Balance zu haben.

Frage: Gibt es in Luxemburg einen Hausärztemangel?

Ganz anders als in Deutschland findet ein Großteil der initialen Arztkontakte bei Beschwerden, Verlaufskontrollen oder Disease-Management-Maßnahmen in Luxemburg nicht in der Hausarztpraxis, sondern direkt im Krankenhaus statt. Dies lässt sich durch das zum Teil anders strukturierte Krankenhaussystem erklären, das in manchen großen Kliniken des Landes dem deutschen Belegärztesystem ähnelt.

Durch die Abpufferung der Primärversorgung in den Krankenhäusern, wo ein Großteil der Bevölkerung ambulant medizinisch betreut wird, haben viele LuxemburgerInnen keinen festen oder nur sporadischen Kontakt zu ihrem Hausarzt. Lynn betont dennoch, dass es wichtig wäre, mehr hausärztliche Versorgung zu implementieren, um PatientInnen vor ständigen Krankenhausbesuchen zu bewahren und niederschwelliger zu behandeln. Besonders im dünn besiedelten Norden Luxemburgs mangelt es an Hausarztpraxen; saisonale Mehrbelastungen, etwa durch die Grippesaison im Winter, sind spürbar. In ländlichen Gebieten ohne große Krankenhäuser bieten niedergelassene AllgemeinmedizinerInnen mehr Diagnostik an und führen kleinere chirurgische Eingriffe selbst durch.

Ein weiteres Problem ist die Rekrutierung von Nachwuchs. Im Verhältnis zu den FachärztInnen verdienen die AssistenzärztInnen angesichts der hohen Lebenshaltungskosten eher wenig. Außerdem werden nur langsam mehr Stellen für WeiterbildungsassistentInnen geschaffen – aktuell kommt oft nur eine AssistenzärztIn auf bis zu sechs FachärztInnen. Die AssistentInnen werden nicht durch den Staat, sondern durch die liberalen Ärztegruppen an den Kliniken eingestellt, was laut Lynn das Stellenwachstum hemmt.

Frage: Wie funktioniert das Schnittstellenmanagement zwischen den Kliniken des Landes und den Hausärzt:innen?

In Luxemburg gilt: „Jeder kennt sich, und Beziehungen sind das A und O.“ Wenn eine HausärztIn oder ein Hausarzt eine Einweisung veranlassen möchte, ruft sie oder er häufig direkt bei einem fachärztlichen Kollegen in der Klinik an und vermittelt die PatientInnen an die Krankenhauspraxen. Zudem ist die Hemmschwelle niedrig, PatientInnen direkt in eine Notaufnahme zu schicken. Dort übernehmen speziell ausgebildete NotaufnahmeärztInnen („UrgentistInnen“) gemeinsam mit angestellten AllgemeinmedizinerInnen die Triage und fordern Konsile durch die Fachabteilungen an.

Alternativ werden PatientInnen zur weiteren Abklärung von Beschwerden an niedergelassene FachärztInnen außerhalb der Klinik überwiesen. Dabei fungiert die HausärztIn oder der Hausarzt – ähnlich wie in Deutschland – als LotsIn und ÜberweiserIn.

Frage: Gibt es in Luxemburg Chronikerprogramme in der Primärversorgung?

Spezielle DMP-Programme wie in Deutschland gibt es nicht. Chronisch kranke PatientInnen werden engmaschig durch die Fachdisziplinen in den Kliniken behandelt. Lynn fungiert als Hausärztin eher als Lotsin, die an die fachärztlichen KollegInnen überweist.

Frage: Welche Präventionsprogramme gibt es in Luxemburg für die allgemeine Bevölkerung?

Der Staat Luxemburg kann aufgrund der geringen Einwohnerzahl Präventionsmaßnahmen für die breite Bevölkerung zentral organisieren. In Luxemburg-Stadt gibt es z. B. das „Gesondheetszentrum“, eine Poliklinik, die ausschließlich Check-ups und Vorsorgeuntersuchungen anbietet. Viele Betriebe schicken dort ihre Angestellten ab dem 50. Lebensjahr zum Gesundheitscheck inklusive Labor und Sonografie. Der Test auf okkultes Blut im Stuhl zur Darmkrebsvorsorge wird ab dem 45. Lebensjahr jährlich an alle EinwohnerInnen des Landes per Post verschickt, ebenso eine Einladung zum Mammographie-Screening für Frauen (alle zwei Jahre ab dem 45. Lebensjahr).

Frage: Wie schreitet die Digitalisierung der Hausarztmedizin voran?

Fast jede Hausarztpraxis ist im Zeitalter der Digitalisierung angekommen. Die elektronische Patientenakte („Dossier de Soins Partagé“, DSP) wurde 2014 eingeführt und wird seit Ende der COVID-Pandemie vermehrt genutzt, leider noch nicht flächendeckend. Ein E-Rezept wird vermutlich erst ab 2026 verfügbar sein.

Frage: Welche große Schwierigkeit siehst du im Hausärztesystem in Luxemburg?

Der größte Vorteil, Allgemeinmedizin in Luxemburg zu praktizieren, ist gleichzeitig der größte Nachteil: Durch das sehr liberale Praktizieren und den Einfluss verschiedener Leitlinien aus Frankreich, Belgien und Deutschland fehle laut Lynn noch eine einheitliche Struktur in der hausärztlichen Versorgung. Wenn in einem Land jeder nach der eigenen Façon Medizin betreibt, kann dies die PatientInnensicherheit und Versorgungsqualität beeinträchtigen.

Frage: Was macht das Besondere daran für dich, in Luxemburg als Hausärztin tätig zu sein?

Lynn lächelt stolz: „Für mich ist Luxemburg unsere Multikulturalität, das Polyglotte und das bunte Miteinander.“ Zudem schätzt sie die vielen Entfaltungsmöglichkeiten und die gute Work-Life-Balance.

Frage: Welchen Tipp zum Berufseinstieg würdest du jungen ÄrztInnen in Ausbildung geben?

„Man muss in den ersten Jahren bereit sein zu lernen und zu ‚hacken‘“, sagt sie. Diese Zeit sei geprägt davon, viel von erfahrenen KollegInnen zu lernen, sich selbst zu entwickeln und trotzdem das Leben zu genießen.

– Pauline Imme

(Alle Fotos: privat)

 

Ich bin Pauline – Ärztin in Weiterbildung, wissenschaftliche Mitarbeiterin der SüdpfalzDOCs und leidenschaftliche Pfalz-Wanderin. In Luxemburg verbringe ich diesen Sommer einen Teil meines praktischen Jahres. Und natürlich bietet sich auch in Luxemburg die Möglichkeit, für unser Ärztenetz ein wenig in die Primärversorgung hineinzuschnuppern.

 

Die Kampagne „I love my Hausdoktesch – mäin Hausdokter“ ist eine luxemburgweite Image- und Nachwuchskampagne für die Allgemeinmedizin. Überall im Krankenhaus finde ich Flyer und Plakate, die auf den Wert der Hausärzte aufmerksam machen: in Luxemburgisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Englisch.

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Gesucht – Gefunden: Tom Seyfart, Minfeld & Lukas Dinkhauser, Landau