SüdpfalzDOCs Praxistour Luxemburg-Special 3

Primärversorgung in Luxemburg – wo ambulante Versorgung und hausärztliche Tätigkeiten in der der Klinik stattfinden

Er ist jung, ehrgeizig und schon mitten im Klinikalltag angekommen: Dr Dan Ronck, 27 Jahre, gebürtiger Luxemburger, absolvierte sein Medizinstudium teilweise in Luxemburg und Straßburg. Nach nur fünfeinhalb Jahren Studium begann er als Funktionsassistenzarzt auf der Intensivstation in Straßburg. Seit Oktober 2023 ist er in Luxemburg-Stadt tätig und durchläuft die Facharztausbildung in den Hôpitaux Robert Schuman nach saarländischer Weiterbildungsordnung.

Heute Nachmittag treffe ich Dan in unserem PJ-Büro, wo ich sonst wöchentlich Teachings von ihm in meiner Funktion als PJ-Studentin bekomme. Heute wechsele ich die Rolle und interviewe ihn zum Thema Primärversorgung und Schnittstellenmanagement im luxemburgischen Krankenhaussystem. Besonders für mich: Dan steht als Krankenhausarzt auf der gegenüberliegenden Seite der Hausärztin Lynn Fandel in der Niederlassung. Als Ergänzung zum Interview mit ihr erhalte ich heute eine aufschlussreiche Sicht auf die Hausarztsituation des Landes aus Klinikperspektive.

Frage: Kannst du mir zunächst einen groben Abriss über das luxemburgische Krankenhaussystem und die Hôpitaux Robert Schuman geben?

Dr. Dan Ronck, Weiterbildungsassistent für Nephrologie in den Hôpitaux Robert Schuman

Das Land Luxemburg verfügt über vier große Krankenhäuser, die sowohl stationäre als auch ambulante Versorgung anbieten und über die nationale Krankenversicherung (CNS) abgerechnet werden. Viele ÄrztInnen arbeiten als freiberufliche „Médecins libéraux“, entweder in eigener Praxis oder innerhalb von Kliniken. Sie nutzen dabei die Infrastruktur der Kliniken, etwa für Operationen oder Diagnostik, sind aber nicht angestellt. PatientInnen werden ambulant in den Praxisräumen behandelt und bei Bedarf unkompliziert stationär aufgenommen.

Die Hôpitaux Robert Schuman (HRS) sind ein zentrales Krankenhaus- und Gesundheitszentrum in Luxemburg, unter anderem am Standort Hôpital Kirchberg. Sie bieten Versorgung in vielen Fachrichtungen und vernetzen Krankenhaus, Fachpraxen und Pflegeeinrichtungen.

Frage: Kannst du kurz deinen Arbeitsalltag als Weiterbildungsassistent im Hôpital Kirchberg beschreiben?

Ein großer Teil von Dans Arbeitsalltag spielt sich auf Station ab – häufig mit der Betreuung chronisch kranker PatientInnen, die parallel über Jahrzehnte hinweg ambulant in der nephrologischen Privatpraxis versorgt werden. Diese ebenfalls im HRS angesiedelte Privatpraxis deckt in der Sprechstunde die Diagnostik und Behandlung von akuten und chronischen Nierenerkrankungen ab, inklusive Ultraschalluntersuchungen, Betreuung von TransplantpatientInnen sowie Medikamentenmanagement. Angegliedert an Station und Privatpraxis befindet sich das hauseigene Dialysezentrum, in dem ÄrztInnen dreimal täglich visitieren und die Dialysebetreuung, Prävention und Patientenschulung übernehmen.

Frage: Welche Aufgaben in der Primärversorgung übernimmst du als Stationsarzt im Krankenhaus?

Viele der PatientInnen, die Dan betreut, sind regelmäßig hospitalisiert und werden im Verlauf ihrer Erkrankung dialysepflichtig. Entsprechend sieht er einige von ihnen mehrmals pro Woche. Gerade bei den „Chronikern“ wird der Hausarzt in Kommunikation und Entscheidungsfindung häufig umgangen: Der Facharzt im Krankenhaus übernimmt nicht nur die nephrologische Betreuung, sondern verordnet auch alle anderen Medikamente, kontrolliert Laborwerte, führt Ultraschalluntersuchungen durch und koordiniert Konsile sowie Überweisungen an andere Fachdisziplinen oder zur ergänzenden Diagnostik. Hinzu kommen Aufgaben wie Wundmanagement, die Organisation der häuslichen Pflege sowie Anordnungen für Physiotherapie – das komplette Hausarztpotpourri!

Ich hake nach: „Das heißt, ihr verschreibt im Krankenhaus alle Medikamente?“

Dan antwortet: „Ja, klar. Anders als in Deutschland, wo die Weiterverordnung von Medikamenten eine hausärztliche Aufgabe ist, werden in den ambulanten Krankenhauspraxen in Luxemburg ein Großteil der Rezepte ausgestellt. Die chronischen PatientInnen zum Beispiel erhalten auf diesem Wege alle drei Monate ihre Medikamentenverordnungen direkt von uns KlinikärztInnen.“

Frage: Wie funktioniert das Schnittstellenmanagement zwischen Hausarzt, ambulanter Pflege und Klinik?

Genau wie Lynn berichtet hat, beschreibt es auch Dan: Soll ein Patient eingewiesen werden und die Notaufnahme umgangen werden, melden HausärztInnen die PatientInnen häufig telefonisch direkt auf der Station an, anstatt eine formale Krankenhauseinweisung auszustellen.

Eine weitere Besonderheit der Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung in Luxemburg stellt die Rolle der Pflegeinstitutionen dar: Bei den meisten älteren PatientInnen spielt deren betreuende Pflege eine größere Rolle in der Primärversorgung als in Deutschland. So binden Pflegeheime den Hausarzt in der präklinischen Entscheidungsfindung nur sehr selten ein, sondern weisen ihre BewohnerInnen direkt beispielsweise zur stationären nephrologischen Abklärung ein. Außerdem kommt täglich vom großen nationalen Pflegedienst Hëllef Doheem eine VertreterIn auf die Station und übernimmt gemeinsam mit dem Klinikarzt Aufgaben, die klassischerweise hausärztlich geprägt sind – etwa die Entscheidungsfindung zum Pflegebedarf, Versicherungsfragen sowie die Planung medizinischer und pflegerischer Hilfsmittel.

Dan gibt zu: „Wenn ich einen Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt entlasse, bleibt die einzige formale Schnittstelle zum Hausarzt häufig der Entlassungs- oder Verlaufsbrief.“

Frage: Welche Vor- und Nachteile bringt die niederschwellige Verfügbarkeit spezialisierter Diagnostik und die unkomplizierte Krankenhausaufnahme mit sich?

Durch die regelmäßige Dialysebetreuung kennt Dan seine PatientInnen sowie deren soziale und familiäre Situation besonders gut. Er begleitet ihre „PatientInnenkarriere“ oft über viele Jahre hinweg und kann Krankheitsverläufe kontinuierlich mitverfolgen. Das ermöglicht ihm, sowohl medizinisch als auch menschlich sinnvoller zu agieren. Die personalisierte, qualitativ hochwertige und schnelle medizinische Versorgung ist dabei ein klarer Vorteil.

Demgegenüber ergeben sich jedoch auch Herausforderungen:

  • Potentieller Medizinmissbrauch: Die Hemmschwelle, bei Beschwerden aller Art direkt ins Krankenhaus oder zum Facharzt zu gehen, ist niedrig. Außerdem geben Angehörige häufig Verantwortung ab und überlassen Entscheidungen vollständig den behandelnden ÄrztInnen. Dies begünstigt Überdiagnostik – im Krankenhaus wird beispielsweise nach einem Sturz nicht selten vorschnell ein Polytrauma-CT durchgeführt, noch bevor eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung erfolgt. In einem entwickelten und fortschrittlichen Medizinsystem sind laut Dan unnötige Krankenhausaufenthalte und das daraus resultierende Risiko potenzieller nosokomialer Infektionen nicht vertretbar.

  • Personelle und zeitliche Überlastung der Kliniken durch fehlende hausärztliche Steuerung: Dan wünscht sich eine stärkere hausärztliche Funktion als erste medizinische Anlaufstelle und Gatekeeper vor einer Krankenhauseinweisung. Ziel sollte sein, dass PatientInnen zunächst den Hausarzt aufsuchen und die Notaufnahmen entlastet werden. Allein im Hôpital Kirchberg gibt es jährlich rund 60.000 Erstkontakte in der Notaufnahme – bei etwa 130.000 EinwohnerInnen in Luxemburg-Stadt und einem weiteren Krankenhaus deutlich zu viel. FachärztInnen übernehmen dadurch notgedrungen hausärztliche Aufgaben, während ÄrztInnen und Pflegekräfte im Klinikbetrieb stark belastet sind. HausärztInnen könnten hier einen erheblichen Teil der Versorgung abfangen.

Frage: Welchen Wunsch hast du für die Zukunft der Primärversorgung in Luxemburg?

Für die Zukunft der Primärversorgung brauche es gut ausgebildete HausärztInnen, die größere medizinische Handlungsspielräume erhalten – ähnlich wie im deutschen System. HausärztInnen sollten mehr Eigenverantwortung übernehmen und unabhängiger von Kliniken und FachärztInnen agieren können. Dazu gehört auch, das Konzept der Hausbesuche zu stärken, um eine engere und weniger oberflächliche ambulante Betreuung zu ermöglichen. Positiv bewertet er bereits die aktuellen Vorteile in Luxemburg: den geringeren finanziellen Druck, den reduzierten Einfluss der Krankenkassen und die deutlich geringere Bürokratie. All dies verschafft den ÄrztInnen mehr Zeit für ihre PatientInnen und reduziert den administrativen Aufwand.

Frage: Welche Tipps gibst du jungen ÄrztInnen, die gerade am Anfang ihrer Karriere in der Inneren Medizin stehen oder ihre Facharztausbildung in der Klinik begonnen haben?

Dan rät jungen ÄrztInnen, einfach anzufangen und sich auf das Abenteuer Klinikalltag einzulassen. Dabei sollte man möglichst viele Erfahrungen sammeln, aufmerksam beobachten und sich so eine solide Wissensbasis aufbauen. Klinische Fertigkeiten sollten kontinuierlich geschult und Fälle aus dem Alltag – sowohl aus der Klinik als auch aus der Niederlassung – zu Hause nachbearbeitet werden. Besonders wichtig ist es am Anfang, die Red Flags der wichtigsten Pathologien zu kennen und richtig einzuordnen.

Darüber hinaus empfiehlt er, ein Stück eigenes Qualitätsmanagement zu betreiben: regelmäßig zu reflektieren, was man tagsüber gelernt und gemacht hat, sich mit KollegInnen auszutauschen, Netzwerke zu pflegen und niemals aufzuhören, sich weiterzubilden. Am allerwichtigsten ist jedoch, den Beruf mit Freude auszuüben. Auch wenn der Klinikalltag einmal frustrierend war, gilt: Jeder Tag bietet die Chance für einen neuen Anfang.

Frage: Was macht es für dich besonders, in Luxemburg als Arzt in Weiterbildung zu arbeiten?

Für Dan ist es vor allem ein starkes Heimatgefühl und der Wunsch, dem Ort, an dem er aufgewachsen ist, etwas zurückzugeben. Hinzu kommt ein europäischer Gemeinschaftsgedanke: Die Menschen in Luxemburg sind kulturell extrem vielfältig – fast wie ein „kleiner Kontinent in einer Stadt“. Diese Mischung aus unterschiedlichen Hintergründen, gemeinsamen Ambitionen und dem Willen, sich gegenseitig voranzubringen, prägt für ihn auch den besonderen Spirit der Weiterbildung in den Hôpitaux Robert Schuman.

Was bleibt vom Blick nach Luxemburg – Ein Fazit

Zwei spannende Interviews bei den Nachbarn in Luxemburg liegen nun hinter mir und es wird deutlich, wie unterschiedlich Primärversorgung in unmittelbarer mitteleuropäischer Nähe organisiert sein kann. Während HausärztInnen dort häufig koordinierend tätig sind, übernehmen Kliniken viele klassische Aufgaben der ambulanten Versorgung. Die Gespräche mit Dr Lynn Fandel und Dr Dan Ronck zeigen Chancen dieses Systems ebenso wie strukturelle Herausforderungen. Ihre Perspektiven geben Einblick in ein System, in dem Nähe, kurze Wege und persönliche Netzwerke entscheidend sind. Gleichzeitig wird deutlich, wo fehlende Steuerung und klare Rollen an Grenzen stoßen.  Für die SüdpfalzDOCs liefert die Praxistour wertvolle Denkanstöße für die Weiterentwicklung hausärztlicher Versorgung und intersektoraler Schnittstellenarbeit.

– Pauline Imme

(Alle Fotos: privat)

 

Ich bin Pauline – Ärztin in Weiterbildung, wissenschaftliche Mitarbeiterin der SüdpfalzDOCs und leidenschaftliche Pfalz-Wanderin. In Luxemburg verbringe ich diesen Sommer einen Teil meines praktischen Jahres. Und natürlich bietet sich auch in Luxemburg die Möglichkeit, für unser Ärztenetz ein wenig in die Primärversorgung hineinzuschnuppern.

 

Dr. Ronck bei der Frühvisite im Hôpital Kirchberg

Zurück
Zurück

Gesucht – Gefunden: Cornelia Horsch, Rheinzabern

Weiter
Weiter

SüdpfalzDOCs Praxistour Luxemburg-Special 2